Wie viel Innovation lässt die 510(k) zu?

Gorilla mit Spruch. Wie viel Innovation lässt 510(k) zu?

Bremst die 510(k) innovative Medizinprodukte?

„Time to market“ ist das etablierte Kriterium für die Zeit zwischen dem Start der Entwicklung und dem Markteintritt eines Medizinproduktes und damit ein Maß für Geschwindigkeit, mit der Innovationen für Patienten verfügbar gemacht werden können. Es gilt also heute mehr als gestern, die Herausforderung zu meistern, in möglichst kurzer Zeit möglichst innovative Produkte zur Marktreife zu tragen, um primär den größten Patientennutzen zu gewährleisten und um sich vom Wettbewerb abzusetzen. Ein oft unterschätzter Zeitfresser dabei ist die Zulassung des Medizinproduktes.

Innovation: Was ist das eigentlich?

Es gibt nahezu unendlich viele Definitionen und Deutungen von Innovation. In den meisten Fällen werden mit Innovation eher solche Errungenschaften beschrieben, die sich durch inkrementelle Änderungen vom Vorgänger absetzen. Deutlich radikaler formuliert Genrich Saulowitsch Altschuller, der Erfinder der TRIZ Methode, den Begriff der Innovation. Erst das Überwinden bislang bestehender (technischer) Widersprüche ist seiner Meinung nach entscheidendes Kriterium für Innovation.

Äquivalenz als Grundprinzip der 510(k)

Schauen wir in den amerikanischen Markt, so erlaubt uns die FDA über verschiedene, unterschiedlich aufwendige Zulassungswege den Markteintritt. Einer dieser Wege und der am häufigsten eingeschlagene ist die Einreichung einer 510(k).

Das 510(k)-Programm ermöglicht es Herstellern von Medizinprodukten, Produkte mit geringem oder mittlerem Risiko mithilfe einer Äquivalenzbetrachtung „anzumelden“. Im Rahmen einer solchen Premarket Notification wird das neue (anzumeldende) Produkt mit einem bereits auf dem amerikanischen Markt verfügbaren Produkt (Predicate Device) verglichen. Ist das Ergebnis dieses Vergleichs, dass es keine negativen Auswirkungen auf Sicherheit und Wirksamkeit gibt und damit schlussendlich durch die Verwendung des neuen Medizinproduktes ein gleichwertiges oder gar geringeres Risiko für Patienten und Anwender besteht, so bescheinigt die FDA dem einreichenden Hersteller „Substantial Equivalence“, also grundlegende Äquivalenz zu bereits bestehenden Produkten und das Produkt darf verkauft werden.

Das Mittel der Zulassung über eine 510(k) ist das mit Abstand am häufigsten verwendete. Im Jahre 2016 wurden etwa 2500 Produkte über den 510(k)-Weg anerkannt — im Vergleich dazu lediglich 39 über den PMA- (originals only) und 26 über den DeNovo-Weg.

Wie können wir Sie am besten unterstützen?

Der 510(k)-Bewertungsprozess der FDA

Die FDA bewertet nach folgendem (vereinfachten) Schema, ob das eingereichte Produkt äquivalent zum sogenannten Predicate Device, also Vergleichsprodukt ist.

  1. Ist die medizinische Zweckbestimmung gleich oder vergleichbar?
  2. Wenn ja, sind die technologischen Eigenschaften, also z.B. Geometrie, Material, eingesetzte bzw. umgesetzte Energieform und Software/Hardware Features gleich und wenn nicht …
  3. … ist ausreichend begründet, dass etwaige Unterschiede in technologischen Eigenschaften keinen negativen Einfluss auf Sicherheit und/oder Wirksamkeit haben.

Je vergleichbarer das neue Produkt und das Predicate Device sind, umso einfacher die Argumentation gegenüber der FDA. Im Umkehrschluss heißt das: je größer die technologischen Unterschiede, umso aufwendiger die notwendige Argumentation über Paper, Tests und Studien und damit umso wahrscheinlicher, dass die Äquivalenz seitens der FDA infrage gestellt wird.

Der feine Unterschied

Bedeutet das, dass es nicht möglich ist, innovative Produkte im Rahmen einer 510(k) in den amerikanischen Markt zu bringen? Pauschal lässt sich das leider nicht beantworten. Erst einmal hängt es von der Interpretation von Innovation ab. Äquivalenz für inkrementelle Innovation ist deutlich leichter zu argumentieren als für radikale Innovation. Weiterhin ist entscheidend, welches grundsätzliche Risikopotenzial vom betrachteten Produkt ausgeht. (Handelt es sich um Blutdruckmanschetten oder um Herzschrittmacher?) Das heißt, auf welchem grundsätzlichen Risikoniveau bewegt man sich bei der Äquivalenzbetrachtung? Und zum Dritten ist maßgeblich entscheidend, welcher Einfluss auf Sicherheit und Effektivität vom betrachteten Produkt, insbesondere von der technischen Änderung ausgeht.

DeNovo eine Alternative?

Sinn und Zweck des DeNovo-Programms nach Sektion 513(f)(2) des „Federal Food, Drug, and Cosmetic Act“ ist es, Herstellern von Medizinprodukten zu ermöglichen, neue Produkte mit geringem oder mittlerem Risiko, für die es kein Predicate Device gibt, ohne Durchführung einer aufwendigen PMA einfacher in den amerikanischen Markt zu bringen.

Wie die bereits genannten Zahlen verdeutlichen, erfolgten in 2016 gerade einmal 26 Zulassungen in Form einer DeNovo. Auch wenn die Anzahl der „DeNovo“ in den vergangenen Jahren leicht steigend war, lässt das den Verdacht zu, dass wir es hier noch nicht mit einem etablierten Zulassungsweg zu tun haben.

Für die Zukunft besteht jedoch durchaus Hoffnung, da der DeNovo-Prozess vor einiger Zeit vereinfacht wurde. So ist es heute im Vergleich zu früher nicht mehr erforderlich, zuerst eine 510(k) erfolglos zu durchlaufen um den DeNovo-Prozess zu starten. Die FDA arbeitet derzeit an einem entsprechenden Guidance-Dokument (im Draft), das hilfreiche Hinweise für Hersteller bereithält.

Resümee

Innovation ist auch im Rahmen einer 510(k) möglich. Jedoch erhöht sich mit steigendem Innovationsgehalt der Aufwand beim Nachweis von Sicherheit und Effektivität, der sich aus den technischen und technologischen Unterschieden im Vergleich zum Predicate ergibt. Mit steigendem Umfang technischer und technologischer Unterschiede steigt die Wahrscheinlichkeit der Nichtanerkennung der Äquivalenz durch die FDA.

Der DeNovo -Prozess erlaubt es, innovative Produkte in den Markt zu bringen, ohne dass ein Predicate bereits im Markt verfügbar sein muss. Der Prozess ist jedoch nur anwendbar für Produkte geringen oder mittleren Risikos. Zudem ist der Prozess weiterhin nicht etabliert und das Guidance-Dokument der FDA lässt auf sich warten.

Unsere Empfehlung:

Um frühzeitig mögliche Projektrisiken bei der Zulassung insbesondere auf dem amerikanischen Markt zu identifizieren, ist es unabdingbar, so früh wie möglich im Projekt, idealerweise sobald die Konzeptphase durchlaufen ist, die notwendige Zulassungsstrategie für den amerikanischen Raum zu entwickeln und in regelmäßigen Abständen, insbesondere nach Änderungen am Funktionsumfang, an der Zweckbestimmung und nach Erkenntnissen aus klinischen, funktionalen und Gebrauchstauglichkeitstests zu hinterfragen und ggf. anzupassen. Nur so lässt sich die Markteinführung innovativer Produkte in Abhängigkeit von Innovationsgehalt und Risikopotenzial mit der richtigen Strategie sicher planen.